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Interessantes über Hedgefonds Manager



Entnommen aus dem Spiegel, Nr.46, 2008

Es gibt sie, die süßen Nebeneffekte der Finanzkrise. In der Londoner Dover Street kommen sie im Kara­mellschmelz daher, frisch aus der Küche des Edelrestaurants „Alloro“. Jahrelang war dieser Genuss vor allem Bankern und Hedgefondsmanagern vorbehalten. Für den gemeinen Londoner Touristen war kein Platz am Tisch der Superreichen. Doch seit der Stammkundschaft Verluste in Millionenhöhe auf den Magen schla­gen, finden plötzlich auch Normalver­diener Zugang zu Thunfischtatar mit po-chierten Wachteleiern. Reservierungen sind nicht mehr nötig, mittags bleiben vie­le Tische leer.

Neuerdings herrscht Katerstimmung im Londoner Finanzdistrikt Mayfair. Den Bankern ist schon seit Wochen der Appetit vergangen. Nun hat es sogar die erwischt, die es theoretisch nie erwischen sollte: die Manager der Hedgefonds. Jene Finanz­jongleure also, die selbst bei sinkenden Kursen noch Gewinne versprechen, denn das Zocken ist ihre Geschäftsidee. Das Kunststück gelingt, indem sie mit gewaltigen Krediten auf Aktien, Rohstoffe, Währungen wetten – und eben auch auf den Absturz solcher Werte. Mit diesem Trick konnten manche Master of the Uni­verse selbst aus der geplatzten Internet-Blase Milliardengewinne schöpfen. Es er­schien wie Zauberei: Die Wirtschaft boomt – die Hedgefonds kassieren; die Wirtschaft lahmt – die Hedgefonds kassieren.

Eine todsichere Sache, dachte man. Hedge ist englisch und heißt Hecke, als Verb auch absichern, umgrenzen. Kom­plexe Absicherungsgeschäfte sollten den Fonds stets positive Renditen garantieren.

Kein Wunder, dass alle mitmachen woll­ten. Die Zahl der Hedgefonds wuchs seit 1990 von 600 auf heute rund 9000. Allein in den vergangenen vier Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt. Die Fonds kontrollieren die ungeheuere Summe von 1,7 Billionen Dollar – und das, ohne selbst strengen Kontrollen zu unterliegen.

Die Besten der Branche verdienen wie saudische Ölscheichs. Dem US-Hedge fondsmanager John Paulson etwa, der schon seit 2006 auf das Platzen der US-Immobilienblase setzte, wurde seine Wet­te mit 15 Milliarden Dollar vergoldet, 3,7 Milliarden davon gingen an ihn. Auch der New Yorker Branchenstar David Einhorn scheffelte Milliarden. Der 39-jährige setzte auf den Untergang der Investmentbank Lehman Brothers – und gewann.

Es war wie im Märchen. Doch dann traf auch die Zauberer die Finanzkrise. Nun geht es ab durch die Hecke.

Auf einmal fehlt der Treibstoff, der die Geldmaschine am Laufen hält: Kredite. Die taumelnden Banken verlangen plötz­lich mehr Sicherheiten oder stellen die Kredite gleich fällig. Die panischen Groß­anleger der Fonds wollen ihr Eigenkapital zurück. Im dritten Quartal 2008 verlangten sie 210 Milliarden Dollar – mehr als je zu­vor. Und mit einem Mal hört man ganz neue Töne: Die „Hedgies“, die mit den schönen Frauen und schnellen Autos, den Tudor-Villen und Privatjets, sie jammern.

Am vergangenen Donnerstag, 9-45 Uhr, meldete sich der Brite Peter Clarke, Chef des weltweit größten Hedgefonds-Anbie-ters MAN Group in London, mit Grabes­stimme zu einer Telefonkonferenz und pro­phezeite seiner Zunft eine düstere Zu­kunft. Weltweit würden Regulatoren die Fonds künftig intensiver überwachen. Zu­dem werde es viel schwieriger, von den Banken Kredite zu bekommen.

Der Trend gehe „zu einer signifikant kleineren und rentableren Hedgefonds-In-dustrie“. Was so viel heißt wie: Es wird ein Massensterben geben. Clarks eigenes 6l-Milliarden-Dollar-Imperium bekam bis­lang nur ein paar Blessuren ab. Doch vie­len wird es richtig an den Kragen gehen.

Eine „Flurbereinigung“ nennt das Peter Fanconi, Chef des Schweizer Dachfonds­managers Harcourt. Er hält Schätzungen für realistisch, wonach rund ein Viertel aller Hedgefonds mit existentiellen Pro­blemen zu kämpfen haben.

Der Todeskampf hat längst begonnen. Nach Informationen des Branchenbeob­achters Hedge Fund Research summieren sich die Verluste seit Anfang Januar auf 19,6 Prozent – Tendenz steigend. Viele ver­loren allein bei der kürzlich gefloppten Jahrhundertwette auf abstürzende Volks­wagen-Aktien ganze Reichtümer.

Selbst bei den Stars blieben nicht alle ungeschoren. Während John Paulson, der Hedgefonds-König des vergangenen Jah­res, noch im Plus liegt, hat es andere Bran­chengrößen hart getroffen. So musste Leh-man-Totengräber Einhorn allein für Sep­tember einen Verlust von zwölf Prozent eingestehen. Christopher Hohn, Chef des britischen Fonds TCI sowie Hauptgegner des Managements der Deutschen Börse, verbuchte für die ersten neun Monate des Jahres gar ein Minus von 26 Prozent. Experten schätzen, dass bis Ende des Jahres weitere rund 400 Milliarden Dollar abgezogen werden. Die Hedgefonds müs­sen deshalb Papiere notverkaufen. Mit fa­talen Folgen: Zusammen mit den Massen­verkäufen großer Pensionskassen, die ihre Aktienquote ebenfalls reduzieren, be­schleunigen sie die ohnehin dramatischen Abstürze an den Börsen der Welt.

Der verzweifelte Überlebenskampf treibt schillernde Blüten. Plötzlich finden die Freibeuter der Finanzwelt Gefallen an strengen Regeln – für ihre Geldgeber. Zahl­reiche Fonds stellten im Oktober alle Aus­zahlungen bis auf weiteres ein. Freund­lichere Firmen bieten ihren Investoren Be­lohnungen an, wenn sie ihnen über den nächsten Auszahlungstag – den 31. De­zember – hinweg treu bleiben.

Wer jedoch angesichts des allgegenwär­tigen Desasters auf Demut und Zerknir­schung seitens der Branche hofft, irrt. Schon gehen die ersten Manager zum Ge­genangriff über und verteilen Schuldzu­weisungen. Für David Einhorn sind die Ra­ting-Agenturen die wahren Übeltäter. Sie und nicht etwa Hedgefonds seien das wah­re „Systemrisiko“. Es sei „eine grauenvolle Idee, den Großteil der Verantwortung für die Risikoeinschätzung an eine Gruppe Rating-Agenturen zu delegieren, die von den Emittenten bezahlt werden statt von den Käufern“.

Für Kenneth Griffin, der Gerüchte über eine Schieflage seines 16 Milliarden Dollar schweren Citadel-Fonds dementiert hat, sitzen die Schuldigen in den Investment­banken. Die Kapitalmärkte würden kon­trolliert von „29-jährigen Kids. Wir haben einen echten Mangel an Weisheit“.

Doch wie schlau ist seine eigene Zunft? Lernen durch direkte Schmerzerfahrung scheint jedenfalls nicht zum Umdenken zu führen.

Trotz der tiefen Risse im Fundament bleibt das globale Finanz-Casino weiter­hin geöffnet. „Der Wahnsinn gibt den Ton an, und Bargeld ist König“, erklärte ein Analyst vor gut zwei Wochen bei einer Branchenkonferenz in New York und brachte die Anwesenden in Wallung. Heißblütig wurde darauf „gewettet, dass die Europäische Zentralbank ernste Fehler macht“ oder in Ungarn und der Ukraine Schuldenmoratorien „nur eine Frage der Zeit sind“, heißt es im Konferenzprotokoll.

Während die Welt verzweifelt den To­talzusammenbruch des Finanzsystems ab­zuwenden versuchte, nutzten die Speku­lanten in den vergangenen Wochen die Ka­pitalflucht aus den Schwellenländern, um die nächste Pokerpartie zu beginnen. Dies­mal wetten sie nicht auf den Ruin von Banken, sondern kompletter Staaten.

Doch die Schwellenländer haben Glück im Unglück – zumindest vorerst. Aufgrund der Finanzkrise attackierten die Spekulan­ten die Ostwährungen wie etwa den unga­rischen Forint nur vorsichtig. „Die Fonds haben derzeit nicht die Kraft für eine groß­angelegte Spekulationsattacke“, sagt Hans-Günter Redeker, Chefstratege in der Devi­senabteilung der französischen Großbank BNP Paribas.

Erst nächstes Jahr könnte es für die Bankrottkandidaten im Osten richtig eng werden. Dann hätten die Fondsmanager Gewissheit über deren wahre finanzielle Kraft, so Rcdekcr.

Bis dahin backen die Hedgefonds klei­nere Brötchen. In Ungarn nahmen sie sich in den vergangenen Wochen die größte Bank OTP vor. Mit Hilfe von Investment­banken liehen sie sich Aktien von Groß­anlegern und verkauften sie – in der Hoff­nung, sie bald billig zurückkaufen und die Differenz als Gewinn kassieren zu können. Prompt stürzte der Kurs nach diesen soge­nannten Leerverkäufen drastisch ab.

Die nächsten Attacken laufen bereits. Im täglichen Briefing für ihre Hedgefonds-Kunden empfahl etwa die US-Bank Mor­gan Stanley vergangenen Mittwoch den deutschen Reifenbauer Contincntal als Leerverkauf. Das Familienunternehmen Schaeffler droht sich an der Übernahme von Conti zu verschlucken. Zudem leidet Conti unter einem Absatzeinbruch, das drückt die Kurse – zur Freude der Speku­lanten.

24 Stunden später machten die Aktien-verlcihcr den Fonds bereits neue Angriffs­ziele schmackhaft. Morgan Stanley melde­te „ein erhöhtes Interesse bei erneuerbaren Energien und Stahlherstellern“.

Nichts scheint die Hedgies zu bremsen, nicht einmal die drohende Rezession. Im Gegenteil: Ein Wirtschaftsabschwung lässt sie schon wieder von hohen zweistelligen Renditen träumen. „Distressed“ heißt das Zauberwort, zu Deutsch: notleidend.

Das Kalkül der Spekulanten: Die Krise wird zahlreiche Firmen in Schwierigkeiten bringen. Wer dann Hypotheken, Firmen­kredite oder Anleihen zu Spottpreisen auf­kauft, bekommt nach einer Sanierung oft deutlich mehr raus – manchmal die ganze Firma, weil die Schulden in Aktien ge­tauscht werden.

Was sie mit einer real existierenden Fir­ma am Ende machen, wissen die Zocker wohl selbst noch nicht. Hauptsache, das Spiel läuft weiter.


 

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