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Exklusives Interview mit Jochen Stanzl – Über Trading, Totalverluste, Studium und Fußball!

Wir freuen uns, heute Jochen Stanzl – bekannt aus Fernsehen und Internet unter anderem als Chefredakteur bei Godmodetrader.de (boersego.ag) – zu unserem ersten exklusiven Interview zu begrüßen. In einem 40-minütigem Interview stand er uns auf eine sehr ehrliche und offene Art Rede und Antwort.

Jochen Stanzl auf ntvDabei erzählt er über die Leitzinsen, den Goldpreis, Totalverluste, gute und schlechte Investments und seine Tradingstrategie genauso ausführlich wie über die Entstehung von Godemode-Trader.de und seinen eigentlichen Weg an die Börse – den er sich ironischer Weise gegen seinen Willen bahnte.

Mit diesem ersten Interview auf Youngbrokers.net möchten wir eine neue Artikelserie starten. Bei unseren Interviews mit bekannten Tradern und Börsenexperten möchten wir neben den aktuellen Geschehnissen vor Allem auch auf die Menschen hinter der Renditejagd eingehen. Wie kommt ein Mensch zum Trading und was begeistert ihn daran eigentlich? Denn sicherlich gibt es weniger stressige Jobs. Im folgenden finden Sie Jochen Stanzls Vita und seine ganz persönliche Geschichte. Viel Spaß beim Lesen!
 

Über Jochen Stanzl

Jochen StanzlJochen Stanzl ist Chefredakteur des Gold- & Rohstoff-Report, der auflagenstärksten Publikation zum Thema Rohstoff-Investments im deutschsprachigen Internet.

Der Mitbegründer des Münchner Finanzinformationsdienstleisters BörseGo AG (zu dem auch GodmodeTrader.de gehört) und Co-Autor des Sachbuchs „Der große Rohstoff-Guide“ beschäftigt sich seit dem Jahr 2005 intensiv mit dem Rohstoffmarkt und versorgt einen wachsenden Zustrom an Lesern auf mehreren Kanälen mit den neuesten Informationen und Anlagetipps. Dazu zählt das Fundamental-Research im Gold- & Rohstoff-Report-PDF, das im Blog unter www.limitup.de über den Menüpunkt „PDF abonnieren“ kostenfrei bestellt werden kann und alle zwei Wochen an 40.000 interessierte Leser versendet wird, sowie der Rohstoff-Blog (www.limitup.de), der marktnah verfasst täglich von mehreren Tausend Anlegern angesteuert wird.

Jochen Stanzl ist seit dem Jahr 1998 an der Börse aktiv und als Referent auf Fachmessen, B2B-Fachveranstaltungen sowie Börsentagen sowie als Interviewpartner in Wirtschaftsmedien geschätzt.

 

Philipp Berger: Herr Stanzl, was bewegt eigentlich einen Menschen dazu, an die Börse zu gehen und sich das stressige Auf- und Ab überhaupt anzutun?

Jochen Stanzl: (lacht) Da kann ich ihnen vielleicht zwei Antworten geben. Einmal der Rückblick darauf, warum ich das heute mache: Heute würde ich sagen, ist die Börse ein Ort, an dem die weltweit entstehenden Nachrichten in einer Art und Weise aufgenommen und verbreitet werden, wie es so umfassend nirgendwo anders möglich ist. Wenn man die Börse beobachtet – gerade wenn man auch verschiedene Märkte beobachtet – es gibt kaum ein Ereignis, das man verpasst. Da ich ein neugieriger Mensch bin, ist das genau das richtige für mich. An jedem neuen Tag gibt es an der Börse etwas Neues. Und deswegen wird es nie langweilig!
Und damals dachte ich noch, man kann an der Börse sehr leicht Geld verdienen! Es stellte sich mit der Zeit aber heraus, dass dazu viel Wissen und Erfahrung gehört. Das lässt die Börse zu einer phantastischen Herausforderung werden.
 

Was haben Sie gemacht, bevor Sie sich für eine Karriere in der Finanzbranche entschieden hatten und wie kamen Sie überhaupt zum Trading?

Ich kam zur Börse wie die Jungfrau zum Kind: Mein Vater meldete ich mich gegen meinen Willen beim Börsenspiel bei einer Bank bei uns im Ort an. Ich fand aber schnell gefallen daran, mit dem gesamten verfügbaren Kapital Aktien des Neuen Marktes zu kaufen, die am Vortag schon im 20-30% gestiegen waren. Die stiegen am nächsten Tag immer nochmal um 20-30%. Mit dieser Harakiri-Strategie machte ich in drei Monaten aus 50.000 D-Mark mehr als 100.000 D-Mark. Das hat Spaß gemacht und so landete ich an der Börse. Das war im Jahr 1998. Die Rohstoffe wurden ja erst später interessant, das war so 2002-2003, als Öl plötzlich von 20 auf 40 USD stieg. Mit dem Rohstoffmarkt beschäftige mich mit schwerpunktmäßig seit dem Jahr 2005.
 

Das heißt, wenn ihr Vater Sie nicht zum Börsenspiel gezwungen hätte, dann würden Sie heute vielleicht gar nicht an der Börse aktiv sein und hätten diesen Weg nie eingeschlagen?

Das ist sehr wahrscheinlich! Ich weiß noch genau, wie ich damals die Sender wie n-TV schnell übersprungen und vermieden habe, um schnell zu MTV oder so zu schalten. Die Leute auf den Nachrichtensendern fand ich damals immer irgendwie langweilig, weil ich damals auch nie verstanden habe, wovon die Leute vor der DAX-Tafel da redeten (lacht).
 

Ab wann haben Sie an der Börse dann ernsthafter gehandelt?

Durch den ersten Preis des Börsenspiels haben wir Fondsanteile von der veranstaltenden Bank bekommen. Nach etwas längeren Verhandlungen haben wir dann aber Bargeld anstatt der Anteile bekommen (lacht). Dann hatte ich Ersparnisse aus Ferienjobs und habe mir von dem Geld die erste Aktie gekauft, das war die Daimler. Die hatte sich in den drei bis vier Monaten Haltezeit um ganze 0,5% bewegt gehabt – während sich die ganzen Neue-Markt-Aktien verdoppelten oder verdreifachten. Der DAX selbst hat sich ja kaum bewegt, solche Änderungen um 1% oder mehr wie wir sie heute täglich sehen, gab es damals fast nie, und wenn, dann war jeder in heller Aufregung. Heute hat sich schon jeder an Schwankungen im DAX-Index von 2-3% pro Tag gewöhnt. Ich hatte damals relativ schnell meinen Vorsatz gebrochen, konservative Aktien langfristig zu halten, und bin zurück zum aktiven Trading gegangen, das ich auch im Börsenspiel intuitiv als erstes betrieben hatte.
 

Und wie kamen Sie dann im Endeffekt zur BörseGo AG? Haben Sie zunächst studiert oder sind Sie direkt eingestiegen?

Ich habe erst mein Abitur gemacht und dann meinen Zivildienst abgeleistet. Dann hatte ich angefangen, in Mannheim VWL zu studieren. Parallel schon während des Zivildienstes habe ich mich immer intensiv über Aktien informiert, vor allem im Internet, weil das einfach das schnellste und aktuellste Medium ist. Da kam ich dann auch auf suche-finde.de. Da gab es auch ein Börsen-Message-Board, auf das ich zusammen mit anderen nach einem Streit auf einer konkurrierenden Webseite abgewandert war (lacht). Auf der Startseite wurden da damals englische Nachrichten übersetzt, weil viele Anleger damals auch amerikanische Aktien aus dem NASDAQ gekauft haben, aber Schwierigkeiten hatten, die Nachrichten im englischen Original zu verstehen. Das war ein prima Service! Die professionellen Newsfeeds kosteten damals noch ein heiden Geld. Auf dem Board lernte ich dann auch Thomas Waibel und Robert Abend kennen.

BoerseGoSie betrieben den Finanzteil der Webseite suche-finde.de neben ihrem Studium – also als ein studentisches Projekt. Herr Abend fragte mich, ob ich nicht die Kurznachrichten übernehmen wolle, die er damals noch schrieb, was ich nicht ablehnte.

Kurz danach hatten wir dann auch Harald Weygand kennengelernt, der Godmodetrader.de während seines Studiums aufgebaut hatte. Zu viert haben wir das Projekt dann weitergebaut und im April 2000 dann auch die BörseGo als Firma gegründet.

Alles in allem was das für mich ein fließender Übergang vom Börsenspiel, zum Interesse an der Börse und dann zu den ersten Schritten mit der Firma, wo ich für sehr lange Zeit Nachrichten übersetzt habe. Das half mir, ein genaues Wissen der Abläufe und Gepflogenheiten an der Börse zu bekommen. Unterschätzen Sie nie einen Nachrichtenredakteur an der Börse…die Jungs wissen alles und bekommen alles mit, weil sie von Berufswegen alles lesen und verstehen müssen. Das sind richtig fitte Leute! Mit der Zeit habe ich dann meine Schwerpunkte gesetzt und war bei US-Aktien unterwegs und bin 2003 bzw. 2004 dann auf Rohstoffe aufmerksam geworden.
 

Wieso eigentlich gerade Rohstoffe?

Sehen wir uns einfach einmal Gold an: Gold wurde in den vergangenen zehn Jahren um 402% gegenüber dem Euro teurer, Goldaktien im NYSE Arca Gold Bugs Index verteuerten sich in der gleichen Zeit um 350%. Der DAX kommt da nur auf mikrige 18% Zuwachs. Sie werden eine schwere Zeit haben, sich mit etwas anderes als Gold gegen eine Abwertung der Währungen abzusichern, und Sie werden Probleme haben, sich mit etwas anderes als Öl gegen geopolitische Spannungen zu hedgen. Außerdem sind Rohstoffe ein relativ ineffizienter Markt. Es gibt wissenschaftliche Studien, die Rohstoffe in der Kategorie Markteffizienz sehr weit unten ansiedeln. Ganz oben sind Märkte wie Währungen oder der FDAX: Wenn Sie da versuchen, mit Kursmustern aus einem Charttechnik-Buch Geld zu verdienen, das vor zehn Jahren geschrieben wurde, haben Sie keine Chance mehr. Der Wettbewerb der Trader an diesen hochliquiden Märkten ist einfach zu heftig und Sie müssen schon ein ausgefuchster Hund sein, um in diesen Märkten Geld zu verdienen. Wir haben Trader bei Godmode-Trader.de, die das können. Aber bei den Rohstoffen ist es einfach leichter, an Rendite zu kommen, denn wer handelt schon Nickel oder Kakao genauso gern, wie Hebelzertifikate auf den DAX?

rohstoffreportIch hatte damals die Möglichkeit, in einem Team in Frankfurt mitzuarbeiten – das war zu der Zeit, als ich noch in Mannheim studiert habe. Das war ein Team von Händlern von Banken, die sich dort selbstständig gemacht hatten. Dabei war auch ein ehemaliger Vorstand einer Bank, der damals den Rohstoff-Report selbst geschrieben hat. Den Report gab’s ja auch schon vor 2004. Wir hatten uns dann darauf geeinigt, den damals noch kostenpflichtigen Rohstoffreport zu bewerben, damit er eine größere Reichweite hat. Da habe ich dann über eineinhalb Jahre mit ihm zusammen den Rohstoff-Report geschrieben und habe von ihm sehr viel gelernt. So bin ich dann auch zu dem Thema Rohstoffe gekommen. Das interessante an Rohstoffen finde ich, ist, dass man die Märkte aus der Vogelperspektive, bzw. der Makrosicht betrachten muss, um Rohstoffe richtig bewerten zu können. Ich war schon immer eher der Typ, der geschaut hat – auch bei der Aktienauswahl – was ist eigentlich in diesem Sektor interessant und dann erst schau ich mir das Unternehmen an. Also eher eine Top-Down-Perspektive. Bald habe ich dann rausgefunden, dass ich mit dieser Einstellung bei den Rohstoffen besser aufgehoben bin.
 

Würden Sie eigentlich behaupten, dass Ihr VWL Studium bei Ihren Analysen geholfen hat oder noch immer hilft?

Ja… bzw. Jein. Man hat bei der VWL natürlich die Möglichkeit, sich Zusammenhänge mal genau anzuschauen, was in manchen Situationen helfen kann. Aber auf der anderen Seite gibt es in der VWL sehr viele Modelle, in denen man sehr viele Variablen einfach als gegeben hinnimmt und spielt dann mit 2-3 Variablen, weil alles andere schwierig wird. Das ist oft wenig an der Praxis orientiert. Was die Börse angeht, da musste mir alles selber beibringen. Für das Börsenwissen hat mir das Studium nicht viel gebracht. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich nur das Grundstudium gemacht habe. Vor dem Hauptstudium musste ich mich entscheiden zwischen der BörseGo AG oder dem Studium, beides ging nicht mehr.
 

Was macht ein Jochen Stanzl eigentlich, wenn er gerade nicht an der Börse aktiv ist oder im Fernsehen zu sehen ist?

Ich mache sehr viel Sport, 2-3 mal die Woche, Spinning und Schwimmen. Das ist für mich ein wichtiger Ausgleich. Das hilft mir, den Kopf freizubekommen, weil der Job doch sehr beansprucht. Ansonsten Dinge, die jeder so tut: ich gehe mit Freunden weg und gehe auch mal gerne in die Natur zum wandern.
 

Was die Arbeitszeiten angeht, haben Sie vermutlich auch nicht gerade einen 9-to-5 Job.

Das ist richtig. Gerade in solchen Börsenphasen wie jetzt muss man sehr flexibel sein, was die Arbeitszeiten angeht. Normalerweise fange ich an um 9.00 Uhr morgens, ich bin nicht der Frühaufsteher-Typ. Aber das geht dann meistens bis in die späten Abendstunden. Manchmal sitze ich auch um Mitternacht noch da, wenn es etwas zu kommentieren gibt. Da muss man immer flexibel sein. Aber das ist nie so, dass ich mir sage: „Oh Gott, jetzt muss ich schon wieder versuchen, etwas zu verstehen.“. Sonder es ist immer so, dass ich mich darauf freue. Und dann sehe ich, wenn ich morgens den PC anmache: da ist hier und dort etwas passiert! Dann lese ich mir das durch und versuche, es zu verstehen und einzuordnen. Da ist immer diese Freude dahinter, etwas Neues zu entdecken. Ich sehe das nicht als Arbeit, sondern vielmehr als Herausforderung an, die es zu meistern gilt.
 

Was war eigentlich Ihr schlechtestes, und was ihr bestes Investment?

(überlegt) Das beste Investment, da ist mir eines sehr in Erinnerung geblieben. Das war Artificial Life – das ist auch schon sehr, sehr lange her. Das muss um 2000 oder 2001 gewesen sein, als ich die gekauft hatte. Das war damals eine chinesische Aktie, die haben solche Internet-Bots mit künstlicher Intelligenz gebaut. Die hatte ich Freitags Abends um 19 Uhr gekauft, ich hab die Aktie gerade noch so vor Börsenschluss bekommen. Dann kam über das Wochenende irgendeine Nachricht, ich weiß gar nicht mehr welche. Jedenfalls stand sie dann am Montagmorgen um 108% im Plus. Und ich hatte die damals mit meinem ganzen Geld gekauft, das war dann natürlich ein schöner Gewinn. Hat Spaß gemacht!
 

Und welches Investment macht Sie weniger stolz?

Das negative Highlight war auch in dieser Zeit. Damals waren diese B2B-Softwareanbieter ein großes Thema, die den Handel übers Internet zwischen Firmen ermöglichen sollten. So etwas wie SAP zum Beispiel. Ein Unternehmen, das ich selbst gekauft hatte, war BackWeb Technologies. Die Aktie hatte ich damals bei meiner Hausbank gekauft. Und da kam dieser typische „Fat-Finger-Effekt“ zum Tragen. Damals hatte man seine Order noch über das Telefon eingegeben, und ich hatte bei meiner Order statt 100 Stück 1000 Stück eingegeben. Der Bankberater hat das dann einfach durchgeleitet und hat gemeint, „gibste dem Jungen (ich war damals 17 Jahre alt), einen schönen Wertpapierkredit“ – obwohl er das gar nicht hätte machen dürfen. Am Ende waren 80% des Kaufvolumens der Wertpapierkredit … (lacht) … und dann kam der Hochpunkt am Aktienmarkt und die Aktie fiel rapide. Mit dem 5er Hebel war mein eigentliches Geld natürlich schnell weg. Dann kam auch noch der Beleg über die Order nach Hause, den ich dann schnellstens versteckt habe, damit mein Vater nichts mitbekommt.
 

Ich hoffe er liest nicht mit!

Er hat das natürlich damals schon mitbekommen, als sich die Bank bei ihm gemeldet hatte (lacht). Die Aktie ist dann jedenfalls immer weiter gefallen. Das Ende vom Lied war dann, das die Bank das Geld für den Kredit zahlen musste, da ich den gar nicht hätte bekommen dürfen. Unterm Strich war natürlich auch mein Geld weg. Das war ein Totalverlust, bei dem ich wirklich alle Fehler gemacht habe, die man so machen kann.
 


Würden Sie dann der Behauptung zustimmen, ein richtiger Trader muss zumindest einmal seinen gesamten Einsatz verlieren, damit er begreifen kann, wie wichtig es ist, seine Risiken richtig zu managen?

(überlegt) Ja. Das ist glaube ich wie beim Kind, das auf die heiße Herdplatte fasst. Man wird es erst verstehen, wenn man sich mal die Finger verbrannt hat. Also wenn man weiß wie es ist, das ganze Konto zu verlieren. Vielleicht gibt es Leute, die das lernen können, wenn sie es einfach nachlesen. Ich gehöre nicht dazu, ich muss da erst meine Fehler machen.
 

Jochen Stanzl n-Tv

Jochen Stanzl im Interview auf n-tv

 

Gehen wir mal etwas weiter ins Detail. Wie gehen Sie eigentlich bei der Einschätzung eines Basiswertes vor, insbesondere bei Rohstoffen? Verwenden Sie hauptsächlich technische Analyse oder überwiegend fundamentale Daten – oder ist der Mix entscheidend?

Es ist der Mix entscheidend! Normalerweise – und mir wurde gesagt, dass das eher unüblich sei – schaue ich mir zunächst die Charts an. Das mache ich täglich. Dabei arbeite ich vor allem mit Tagescharts und habe mir ein Handelssystem entwickelt, dass mir Signale geben soll, wenn ein Hochpunkt oder Tiefpunkt erreich ist. Das heißt, ich bin eher der Antizykliker, ich schaue, was überbewertet und was unterbewertet ist und versuche mich dann entsprechend einzuklinken. Rohstoffpreise pendeln immer um ihre Durchschnittspreise herum, was also gut passt. Ich betrachte also in einem ersten Schritt die Charts und schaue, welchen wahrscheinlichen Verlauf ich herauslesen kann. Als nächstes schaue ich mir bei Rohstoffen dann die Fundamentaldaten an. Viele machen einen anderen Weg, schauen sich also erst Fundamentaldaten an und danach die Charts. Ich versuche, meine Prognosen aus den Charts heraus anschließend durch Fundamentaldaten zu untermauern oder zu revidieren.
 

Wie und nach welchen Kriterien durchsuchen bzw. screenen Sie überhaupt den Markt? Wie finden Sie aus dem Dschungel aus Rohstoff- und Aktientiteln Ihre Tradingidee?

Sehr wichtig finde ich, dass man ein Gesamtbild, ein Grundszenario über die Märkte hat. Wir haben zum Beispiel im Herbst 2011 die ersten Leitzinssenkungen der EZB gesehen, die Märkte haben allerdings nicht darauf reagiert. Nach Weihnachten kamen dann auf einmal die Dreijahres-Tender, also außerordentliche Maßnahmen der EZB und damit hatten wir dann einen richtig starken Schub an den Märkten gehabt. Hier habe ich dann untersucht, ob die Konjunkturerholung überhaupt nachhaltig ist. Da kann man dann bei einzelnen Rohstoffen sehen, dass von Dezember bis Mitte Februar die Konjunkturerwartungen deutlich hochgegangen sind. Kupfer gilt ja bekanntlich auch als Konjunkturindikator – und ist deutlich gestiegen. Dann gab es auf einmal eine Stagnation bis hin zu einem Trendbruch im Kupfer. Das waren die ersten Zweifel an der Nachhaltigkeit der Erholung und ein Vorbote, dass wir in eine Korrektur eintreten werden. Das Fazit dieser kurzen Wiederholung: wir müssen uns immer darüber im Klaren sein, ob wir uns derzeit in einer Hausse am Gesamtmarkt befinden, oder in einer Wendephase oder etwa in einer Korrektur. Entsprechend dem Szenario, das man im Gesamtmarkt sieht, muss man sich dann auch innerhalb der Rohstoffe positionieren. Man muss also immer das Gesamtbild im Auge behalten, sonst sieht man irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
 

Sie nutzen also weniger Screening-Tools, sondern versuchen sich ein Gesamtbild zu schaffen und jeden Tag upzudaten?

Ja, das finde ich sehr wichtig. Hat man dieses „große Bild“ nicht, lässt man sich gerne von einzelnen Nachrichten und Bewegungen verrückt machen. Aktuell haben wir im Dax ausgehend von 7200 Punkten zwar nicht viele Gegenbewegungen gesehen, aber wenn man erkennt, das eine ausgedehnte Korrektur kommen muss, kann man die kurzen Gegenbewegungen nach oben eben als das einordnen, was sie sind: nämlich ganz normale Gegenbewegungen in einer Korrektur. Wir könnten uns jetzt aber nahe an einem Korrekturtief befinden.
 

Haben Sie eigentlich eine eigene Tradingstrategie, nach der sie handeln?

Ich habe in den letzen eineinhalb bis zwei Jahren daran gearbeitet, ein eigenes Handelssystem zu entwickeln. Das finde ich sehr wichtig, vor allem weil man mit einem eigenen Handelssystem seine Emotionen unter Kontrolle hat. Es ist ja bekanntlich sehr wichtig beim Trading, dass man nicht impulsiv handelt und nicht von kleinen Bewegungen und Nachrichten beeinflussen lässt. Wer das nicht nur verstanden sondern wirklich begriffen hat, weiß, wie schwer das ist. Hier hilft ein Handelssystem, dass man auch im Backtest geprüft hat, also weiß, dass ein generiertes Handelssignal beispielsweise in 50% der Fälle – oder durchaus auch weniger – aufgeht. Wichtig ist nur, dass man sich darauf verlassen kann. Money- und Risikomanagement tun dann ihr Übriges. Ich kann mich also darauf verlassen, dass das System funktioniert. Und dadurch lassen sich ein Großteil der Emotionen ausschalten. Hat man diese verlässliche Größe nicht, übernimmt immer wieder der innere Schweinehund die Kontrolle und man wird zum Spielball der Märkte.
 

In welchem Zeitfenster handeln Sie dann hauptsächlich?

Im ultrakurzfristigen Handel finden Sie mich eher nicht. Es hängt auch von der Börsenphase ab. Hier greife ich durchaus auch mal zum Stundenchart und schaue mir Bewegungen im 15-Minuten-Chart an. Ich handle also teilweise im Swingtrading-Bereich, also von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Tagen. Der Schwerpunkt liegt aber beim Positionstrading, also von 1-2 Tagen bis zu mehreren Wochen, was die Haltedauer angeht.
 

Über welche Handelsinstrumente gehen Sie dann in den Markt?

Ich schreibe ja regelmäßig auf meinem Blog (www.limitup.de) und gebe dort Empfehlungen. Das was für die Mehrheit der Anleger umsetzbar ist, sind Hebelzertifikate. Zwar kann man, wenn die Stop- und Einstiegsmarken bekannt sind, auch mit CFDs oder den Future handeln, aber ich persönlich handle primär über Hebelzertifikate.
 

Wie bauen Sie sich dann einen konkreten Trade auf und welches Risikomanagement betreiben Sie dabei? Pyramidisieren Sie teilweise auch Ihre Trades, wenn ein Trade gut anläuft?

Ich setze ein striktes Moneymanagement und Risikomanagement um. In trendstarken und klaren Marktphasen lasse ich 1% – 1,5% Risiko (Abstand von Einstieg zum Stop-Loss) zu. In „durchwachsenen“ Marktphasen passe ich das Risiko an. Ich pyramidisiere normalerweise nicht, wobei ich es bei einem aktuellen Gold-Trade getan habe, weil wir ein Reversal gehabt haben. Da bin ich zuerst mit 0,75% Risiko reingegangen, danach habe ich die Position vergrößert, weil ich durch ein Reversal eine Bestätigung meines Signals bekommen habe. Abgesehen davon finde ich persönlich Korrekturphasen, wie wir gerade eine haben, schwierig zu handeln. Wenn ich Marktphasen habe, mit denen ich nicht so richtig klarkomme, dann gehe ich auch mit dem Risiko runter, also bis auf 0,5% – 0,75%. Kommt eine „gute“ Phase, gehe ich wieder in Richtung 1% – 1,5%. Hier erkennt man wieder, wie wichtig es ist, das Gesamtbild zu kennen, wie oben erläutert.
 

Sie haben es bereits erwähnt: Gold ist aktuell wieder angelaufen. Sehen Sie hier auch mittel- bis langfristig wieder einen kräftigen Schub oder wird das ganze eine kurzfristige Nummer?

Gold PreisEs hängt sehr stark davon ab, was die Zentralbanken tun werden. 2012 und 2013 werden gut 2000 Tonnen Gold zum Kauf angeboten – und wenn Investoren und Spekulanten das nicht aufnehmen, ist der Goldmarkt überversorgt. Also brauchen wir einen Grund, die Investoren und Spekulanten zum Kauf von 2000 Tonnen Gold zu bewegen. Und das ist ein Drittel des gesamten weltweiten Jahresangebots in zwei Jahren! Also eine ganze Menge. Wir haben Ende 2011 bereits gesehen, dass zahlreiche Zentralbanken von Industrieländern eine neue geldpolitische Lockerung vorzunehmen. Die EZB hat die Leitzinsen gesenkt, dann hat sie die beiden Dreijahres-Tender durchgeführt, dan haben wir die Bank of England gesehen, wie sie eine weitere „Quantitative Easing“ vollzogen hat und wir haben „Operation Twist“ in den USA bei dem FED gesehen. All das hat den Markt stimuliert, Januar und Februar waren sehr gute Monate. Aber sobald das ausläuft, kann man erkennen, dass es keine Gegenwehr mehr auf der Unterseite gibt. Die Märkte fallen wie ein Stein zurzeit.

Das wird meiner Meinung nach in eine neue Runde geldpolitischer Lockerung führen, weil die Zentralbanken sicher stellen müssen, dass die Regierungen sich auch in Zukunft noch refinanzieren können. Gerade in solchen Zeiten von Haushaltsreformen und harten Sparprogrammen. Ich denke, dass wir gerade was den schwachen Mai und die Konjunkturerwartungen angeht: das kippt alles ein bisschen. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, dass wir eine neue geldpolitische Lockerung in Form einer Leitzinssenkung sehen werden – bspw. durch das FED Mitte Juni durch ein zweites Operation Twist – wo man also lang- mit kurzläufigen Anleihen tauscht, um die langfristigen Zinsen unten zu halten. Aber ich denke auch, dass es parallel auch in den Schwellenländern bspw. in China zur Senkung der Barreservesätze kommen wird und auch da eine Lockerung angestrebt wird. Erste Schritte haben wir bereits im Mai und Anfang Juni in China in diese Richtung gesehen. Das wird weitergehen. Und das wird vermutlich konzertiert stattfinden, Juni wird wahrscheinlich ein sehr wichtiger Monat werden, weil wir hier sehr viele Notenbanksitzungen haben werden in einem konjunkturellen eher schwachen Umfeld.

Abgesehen vom chartechnischen Ausblick sehe ich also auch gute fundamentale Gründe, die aktuell für ein Investment in Gold sprechen, weil es günstig ist und diese Maßnahmen hier noch gar nicht eingepreist sind.
 


Sie betonen immer wieder die Entwicklung der Leitzinsen. Würden Sie sagen, dass die Leitzinsen aus fundamentaler Sicht die wichtigsten marktbestimmenden Faktoren sind?

Man kann darüber streiten, ob sie „die“ wichtigsten Faktoren sind, aber sie sind eine äußerst wichtige Größe. Vor 6 Jahren hat man sich noch kaum um die Zentralbanken gekümmert. Sicher, die Notenbanken haben die Konjunktur über die Zinsen gesteuert. Nach einer Rezession wurden die Zinsen gesenkt und die Wirtschaft angekurbelt.

fed-funds-leitzinsWas wir aber jetzt seit der Finanzkrise haben, ist, dass die Regierungen in den Industriestaaten nicht nur verschuldet, sondern stark überschuldet sind und alle Gesellschaftsschichten haben das erkannt und damit begonnen, sich zu entschulden. Da eine Verschuldung der großen zehn Industriestaaten (G-10) von 70 Billionen USD aber Basis ist für 700 Billionen USD an Derivaten, ist dieser Entschuldungsprozess heikel, da es immer wieder zu Zwangsliquidierungen innerhalb dieses Prozesses kommt. Das führt zu Einbrüchen und Volatilität. Viel wichtiger aber: Durch diesen Entschuldungsprozess wird dem Markt Geld entzogen. Dieses Geld wird nicht irgendwo neu geparkt, sondern es wird vernichtet. Es gibt ja den Prozess der Geldschöpfung der Geschäftsbanken und durch das Sparen und die Entschuldung wird diese Geldschöpfung „rückabgewickelt“, das heißt die Geldmenge geht zurück. Und deswegen gehen die Vermögenspreise auch zurück. Hätten die Zentralbanken 2008 nicht beherzt eingegriffen, dann wären wir vermutlich in einer Situation angelangt, die schlimmer gewesen wäre als die Situation in den 30er Jahren, weil auch der unglaubliche Derivate-Koloss, der 1200% der weltweiten Wirtschaftsleistung entspricht, zusammengebrochen wäre. Entsprechend ist jetzt die Liquiditätsversorgung über die Zentralbanken für mich genauso wichtig wie zum Beispiel die Bewertung von KGVs oder anderen Kennzahlen oder die Bewertung der Konjunktur. Soll heißen, die Zentralbanken darf man heutzutage nicht mehr ignorieren.
 

Werden wir konkret: in welche Rohstoffe würden Sie aktuell investieren?

Auf jeden Fall Gold. Hier sind wir bei 1525 USD an einer Marke angelangt, an der wir sehr wahrscheinlich drehen könnten. Ich denke, dass wir im Juni wieder erste Maßnahmen der Zentralbanken sehen werden, oder zumindest eine rhetorische Ankündigung. Das würde Gold auf jeden Fall stützen.

Ich denke die konjunktursensiblen Rohstoffe wie die Industriemetalle – Kupfer zum Beispiel – oder auch die Energierohstoffe wie Öl werden meiner Meinung nach etwas länger brauchen. Kupfer kommt früher, weil hier ein Angebotsdefizit ist, Öl sehr spät, weil der Markt von Saudi Arabien seit Monaten mit Angebot zugeschüttet wird. Um deren Startzeitpunkt möglichst gut zu timen schaue ich mir auch Stahlaktien und Bergbauaktien an. Da kann man sehen, was die Vermögensverwalter und Hedgefonds am Aktienmarkt machen. Wenn hier Schwung reinkommt kann man sich auch wieder Industrierohstoffe und Energierohstoffe ansehen – also wie erwähnt zum Beispiel Kupfer und Öl. Aber dafür brauchen wir verlässliche Signale, dass die Konjunktur tatsächlich dreht.

Wenn jetzt alle wichtigen Zentralbanken bekannt geben würden, „wir stützen die Konjunktur“, dann würde sowieso wieder alles gleichzeitig steigen. Da braucht man sich keine Illusionen machen, ob man da dann bei Öl oder Gold besser aufgehoben ist. Das Phänomen hatten wir ja Januar und Februar beobachten können. Wenn allerdings solch eine geldpolitische Lockerung nicht kommt, würde ich von Industrie- und Energierohstoffen zunächst mal die Finger lassen.
 

Abschließen möchte ich das Interview wie immer mit fünf Long- und Short-Fragen. Sie dürfen nur intuitiv mit Long bzw. Short antworten. Bereit?

Los geht’s!

Die Umsetzung der Finanztransaktionssteuer
Short

Die Facebook-Aktie 2012
Oh .. Seitwärts gibt’s wohl nicht, oder? Ich würde sagen seitwärts!

Die zweite Amtszeit vom Obama
Long

Der Ausstieg Griechenlands aus der EU
Short

Deutschland im EM-Finale?
Long

Vielen Dank für das Interview!


 

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2 Kommentare

  1. Ulli sagt:

    Sehr sympatisch! 🙂

  2. Joachim M. sagt:

    Finde vor Allem seine Antwort mit der Herdplatte sehr ehrlich! Bin auch der Typ, der sich zwar Mühe gibt in der Theorie, aber letzten Endes doch seine Erfahrungen machen muss, um den Zweck von Riskmanagement vollständig zu begreifen. 🙂


 

     

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