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Artikelserie: Trading für Berufsttätige (Teil 1/3) – Vor- und Nachteile von Feierabendtrading

Artikelserie - Trading für Berufstätige und wenig Zeit

Auch wenn viele Profitrader den Anschein erwecken, Sie würden vom ersten Tag ihrer Lebens profitabel traden, so sieht die Wahrheit doch meist ganz anders aus. Das Trading erlernen die wenigsten Menschen einfach so. Viel Erfahrung und Leidenschaft ist nötig, um nachhaltig profitabel handeln zu können. Typischerweise beginnen die meisten Trader ihre Handelskarriere daher nebenberuflich. Ist man nach einiger Zeit im profitablen Bereich, so kann man sich immernoch überlegen, in Vollzeit zu traden oder weiterhin neben dem Beruf zu handeln? Vorher stellt sich aber die entscheidende Frage: Ist Trading neben dem Beruf überhaupt sinnvoll möglich? Wie muss solch eine Strategie aussehen?

Diese Artikelserie von Michael Hinterleitner von brokerdeal.de zeigt seine persönliche Tradingstrategie, die er selbst seit vielen Jahren erfolgreich und profitabel nebenberuflich ausübt. In dieser Serie werden alle wichtigen Faktoren berücksichtigt.

Teil 1: Vor- und Nachteile von Feierabendtrading
Teil 2: Wahl von Underlying und Trading-Werkzeug
Teil 3: Tradingstrategie und Trademanagement
 

Einleitung

Mit dieser Artikelserie möchte ich Ihnen eine gemütliche und zeitsparende Handelsmethode aufzeigen. Im Kern geht es dabei um kurzfristige Tradingstrategien im Bereich von Aktien (Haltedauer höchstens vier Tage) im Tageschartfür den Börsenhandel außerhalb der Handelszeiten. Das heißt konkret, wir suchen im Fall europäischer Aktien erst nach 17:30 nach attraktiven Signalen für den nächsten Tag und legen dafür passende Orders in den Markt. Ideal also für Berufstätige, Börsenneulinge oder Trader die eine Beimischung suchen.

Manche Varianten und erweiterte Ideen können zwar auch das Setzen von Aktionen Intraday erforderlich machen. Aber vom hektischen Alltag eines Daytraders sind wir auch dann immer noch meilenweit entfernt. Wer mich kennt, weiß, dass meine Leidenschaft immer den praktischen Aspekten des Tradings gehört. Die eine oder andere Theorie mag zwar erklärt werden müssen zum besseren Verständnis. Im Mittelpunkt steht aber klar die Arbeit an und mit den Charts und den sich daraus ergebenden Erkenntnissen bzw. Signalen.
 

Die Tradingstrategie für Berufstätige in Kürze

Meine Vorgehensweise bei der Signalerkennung kann man mit nur zwei essentiellen Fragen zusammenfassen. Diese wären:

  • Ist ein neuer Swing wahrscheinlich?
  • Und komme ich in diesen günstig rein?

Ein solches Signal für den 17. April sehen Sie beispielhaft im Tageschart der Aktie von Air France.

traing-strategie-berufstätige-airfrance

Die jüngsten Kursbewegungen bzw. Swings sind zur Orientierung farblich getrennt eingezeichnet so wie ich persönlich diese sehe – zusammen mit den konkreten geplanten Entry- und Exitlevels. Wie man zu diesen Kursmarken genau kommt sehen wir uns im folgenden Praxisteil noch im Detail an. Bei Air France dominieren jedenfalls aktuell die Bullen das Geschehen. D.h. wir warten einfach eine Korrektur ab, und suchen in dieser einen möglichst günstigen Shorteinstieg. Die aktuelle Tageskerze könnte nun genau so ein gesuchter Startschuss für einen neuen Swing nach Norden sein.

Klingt doch wunderbar simpel, oder? Allerdings lauern auch hier zahlreiche Fallstricke und Hürden, welche das sind werden wir Schritt für Schritt durchgehen. Etwas Theorie muss also sein. Konkret sehen wir uns die Vor- und Nachteile von Feierabendtrading an, die Wahl der richtigen Aktien, das Trademanagement, die benötigten Werkzeuge und die Trendeinschätzung. Danach stelle ich meine Basisstrategie vor, und wie sich diese täglich mit wenigen Minuten Aufwand in die Praxis umsetzen lässt.
 

Vorteile von Feierabendtrading

      1. Sorgfältige Entscheidungsbasis
      Es ist einfach verdammt angenehm, im Gegensatz zum Daytrading keine stressigen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen treffen zu müssen. Unter Stress macht jeder Mensch Fehler. Ohne Hektik und Zeitdruck sich in Ruhe die attraktivsten Signale zu suchen, sich für die optimale Stückzahl zu entscheiden, und bequem die Ordermasken auszufüllen, das ist Tradingluxus pur. Wir haben auch im Forum oft Diskussionen wie „so viele schöne Shortsignale heute, für welche entscheidet ihr euch denn“? Als Daytrader sieht man oft gar nicht, dass sich in anderen Werten schönere Setups ergeben, und handelt oft fragwürdige Signale. Wir hingegen entscheiden uns einfach für die 1-2 sympathischsten Signale und ignorieren die Mittelklasse.
      2. Zeitaufwand
      Und das Ganze bei wesentlich geringerem Zeitaufwand. Wo Daytrader zehn Stunden und mehr vor oft mehreren Monitoren verbringen, braucht der Swingtrader mit Tagescharts nur einige Minuten am Tag. Eine ungemein effiziente Angelegenheit, sicher mit dem höchsten Aufwand-/Nutzenverhältnis. Man kann so entweder praktisch nebenbei traden, oder Swingtrading als Beimischung betreiben. Ich persönlich etwa bin untertags manchmal im FDax unterwegs, nach Börsenschluss suche ich mir dann die attraktivsten Aktienkandidaten raus.
      3. Nebenberufliches Trading
      Und Swingtrading außerhalb der Handelszeiten schließt eben auch all jene Interessierten nicht aus, die untertags einer anderen Beschäftigung nachgehen müssen. Oder schlicht und einfach keine Lust auf Daytrading haben, oder sich gerade erst einarbeiten in das Thema Trading.

    Die Vorteile überwiegen hoffentlich nicht nur in meinen Augen. Wenn man denn nicht auf die Aktien mit hohen Spreads hereinfällt, denn gerade in der turbulenten Eröffnungsphase werden die meisten Orders ausgeführt. Und damit kommen wir zum zweiten theoretischen Abschnitt, der Wahl der richtigen Underlyings.
     

    Nachteile von Feierabendtrading

        1. Ungewissheit über den Ausführungskurs
        Das wohl größte Manko dieser Art des Tradings ist, dass ich meinen Einstiegskurs nicht kenne im Vorhinein. Anders bei Daytradern: die stehen zwar enorm unter Stress, da sich die Kurse laufend ändern. Dafür kann ich aber in Echtzeit entscheiden, ob mir der aktuelle Kurs gefällt oder nicht. Feierabendtrader wie wir hingegen müssen auf Stopp- oder Limit Orders zurückgreifen. Und wissen damit vorher nicht, zu welchem Kurs wir am nächsten Tag ausgeführt werden. Wir können nur gewisse Parameter festlegen. Im folgenden widmen wir uns dem Punkt „Ungewissheit über Ausführungskurse“ genauer – und wie wir diesem Nachteil ein Schnippchen schlagen können.

        Im Bereich der Orderausführung gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten, Oders in den Markt zu geben: Stop-Orders, Limit-Orders und Market-Orders.

        Arbeitet man mit Stop-Buy und Stop-Sell Orders, wird man zwar in der Regel zum gewünschten Kurs ausgeführt, dafür aber auch niemals besser. Schlechter hingegen schon. Und zwar im Fall von Gaps oder hohen Spreads meistens in den ersten Minuten des Tages. Dafür verpasst man mit Stop-Orders aber auch einige Verlusttrades. Nämlich solche, die sich von der Eröffnung weg nur gegen uns entwickelt hätten.

        Limitorders auf der anderen Seite gelangen regelmäßig gar nicht zur Ausführung, und man muss dann jenen Aktien hinterher sehen, die sofort mit einem Gap eröffnen und in Richtung Kursziel laufen ohne uns. Denn eine Limit-Buy Order kann ich nur zum Schlusskurs oder darunter aufgeben. Dafür führen Limit-Orders manchmal zu einer besseren Ausführung als geplant, etwa wenn ich einen Long plane und die Eröffnung am nächsten Tag sehr tief startet.

        Bei bullischen Stop-Orders kaufe ich Longpositionen also ab einem bestimmten Kurs der höher sein muss als der Schlusskurs. Bei Limitorders kaufe ich bis zu einem bestimmten Kurs der unter dem Schlusskurs liegen muss. Für Shorts gilt das Ganze natürlich umgekehrt.

        Im Endeffekt verzeichnet man bei Verwendung von Limit-Orders wesentlich häufigere Ausführungen. Ich habe selbst lange mit dieser Orderart gearbeitet, mittlerweile weiß ich es aber besser.

        In der folgenden Abbildung sehen Sie eine Kombination aus Backtest und tatsächlich durchgeführten Trades aus dem Jahr 2011. Links sehen Sie die Performance bei Verwendung von Stop-Orders, rechts von Limit-Orders.

        stop-orders-vs-limit-orders

        Grob gesagt schnitten Stop-Orders ungefähr um den Faktor 3 besser ab. Man weiß zwar mit Stop-Orders nie welchen Kurs man am nächsten Tag bekommt. Aber man verpasst zumindest keine Gewinner, und lässt einige Verlierer links liegen.

        Neben Stop- und Limitorders gibt es dann noch eine dritte Möglichkeit, die einfachen Market-Orders. Diese sind aber ohnehin keine Option für mich. Denn erstens kann man diese außerhalb der Börsenöffnungszeiten nicht aufgeben. Und zweitens liefert man sich damit den ersten Ticks des Tages gnadenlos aus. Und damit den zu dieser Tageszeit oft grausamen Spreads. Womit wir beim 2. großen Nachteil sind.

        2. Willkürlichem Spread ausgeliefert
        Eine Aktie kann im Grunde noch so liquide sein, vor allem in den turbulenten Eröffnungsminuten muss man leider oft mit einer Ausweitung des Spreads rechnen. Das ist bei Blue Chips nicht ganz so schlimm, meist vernachlässigbar. Bei Nebenwerten ist das aber ein großes Problem. Nicht wenige Aktien, die in der Theorie hervorragende Signale abliefern, sind in der Praxis nämlich unzumutbar. Dazu sehen wir uns in Kürze ein Beispiel an.
        3. Intraday Hände gebunden
        Für Trader, die ohnehin den ganzen Tag vor den Kursen sitzen, kann es eine psychische Belastung sein, Intraday die Füße still halten zu müssen. Da meinen viele nach Bad News unbedingt ihre Longpositionen glattstellen zu müssen, nur um sich dann abends über wieder höhere Kurse zu ärgern. Disziplin ist nun mal das A und O wenn man ein erfolgreicher Trader werden möchte.
        4. Träge Lernkurve
        Feierabendtrader müssen allerdings definitiv mehr Geduld aufbringen, was das Feedback durch den Markt angeht. So pi mal Daumen benötige ich mindestens 50 Signale, um Rückschlüsse daraus ziehen zu können durch Optimierungen. Diese 50 oder besser noch 100 sind im Daytrading locker innerhalb eines Monats möglich. Für Swingtrader können da aber gleich mal ein paar Monate vergehen. Ohne sorgfältiges Backtesting würde ich dabei jedenfalls graue Haare bekommen, simulierte Portfolios helfen hierbei enorm.

      Natürlich ist es wichtig, sich dieser Nachteile bewusst zu sein. Und sich entsprechend darauf einzustellen. Aber die Vorteile überwiegen zum Glück deutlich, wenn man ein paar Dinge berücksichtigt.
       

      Zwischenfazit

      Trading für Berufstätige oder Vielbeschäftigte ist möglich. Allerdings ist es notwendig, sich über etwaige Nachteile genau klar zu sein. Dieser Artikel ist sehr detailliert auf Vor- und Nachteile eingegangen und stellt somit die Basis für die folgenden Artikel dar. Denn jetzt können wir unsere Strategie so aufbauen, dass die Nachteile möglichst minimiert werden.

      In Teil 2 unserer Trading-für-Berufstätigen-Serie geht es daher um die Wahl von Underlying und Trading-Werkzeug:

      Trading für Berufstätige – Teil 2:
      Wahl von Underlying und Trading-Werkzeug

      Viel Erfolg beim Trading
      Michael Hinterleitner
       

      Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse nicht investiert.


       

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