0

Trading für Berufstätige (Teil 3/3) –
Tradingstrategie und Trademanagement

Berufstätigentrading - Trademanagement und Tradingstrategie

Zeit für das Finale unserer Artikelserie „Trading für Berufstätige und Vielbeschäftigte“! In Teil 2 unserer Artikelserie hat Michael Hinterleitner von Brokerdeal.de definiert, mit welchem Underlying und welchem Tradinginstrument die Strategie umgesetzt werden soll. Dabei wurden die Besonderheiten vom Feierabendtrading stets berücksichtigt.

Jetzt soll es um die eigentliche Strategie gehen. Welches Regelwerk sieht die Strategie vor? Wann wird ein Tradingsignal generiert, wie setze ich den Trade schließlich um und wie wird der Trade anschließend gemanaged? Heute werden diese entscheidenden Fragen beantwortet. Bevor es los geht, hier noch in Kürze Übersicht der bisher erschienenen Artikel.

Teil 1: Vor- und Nachteile von Feierabendtrading
Teil 2: Wahl von Underlying und Trading-Werkzeug
Teil 3: Tradingstrategie und Trademanagement
 

Trademanagement

Soviel zum idealen Broker, weiter geht’s mit dem Swing- bzw. Bewegungstrading. Die groben Fahrwasser und Klippen haben wir nun durch, jetzt möchten wir aber langsam echte Orders absetzen. Bevor ich aber überhaupt einen Trade eröffne, muss ich schon einen Plan haben, wie der Trade verlaufen soll und wann er eigentlich geschlossen wird. Das ist die oft unterschätzte Kür bei einem Tradingsystem. Wer nach Orderausführung erst überlegen muss, wo er den Stopp setzen soll, und noch nicht weiß wie er Gewinne realisieren wird, gehört langfristig zu den Verlierern. Also nicht verwundert sein, dass wir mit dem Ausstieg anfangen.

Der Ausstieg: Stoppsetzung und Risikomanagement

Ich riskiere pro Trade immer den gleichen Prozentsatz vom Kapital, das simple und effektive „Fixed Risk“-Modell. Und um die dafür erlaubte Stückzahl berechnen zu können, muss schon vor Ausführung klar sein, wo mein Stopp liegen wird. Wo also?

Drei Möglichkeiten geben wir hier an die Hand, aus einem Trade auszusteigen:

  • Das Kursziel wird erreicht und der Trade automatisch geschlossen
  • Der Trade wird in der Verlustzone ausgestoppt durch die Stopp-Loss-Order
  • Der Trade entwickelt sich zu langsam – ein Zeitstopp beendet den Trade nach einer bestimmten Anzahl Tagen

Ich bevorzuge enge Stopps, die folglich hohe handelbare Stückzahlen zur Folge haben. Denn die Gewinntrades bewegen sich ohnehin meist von Beginn an in die gewünschte Richtung. Darauf setzt diese Strategie.

Stoppsetzung: Meine Stopp- und Zielkurse basieren immer auf der aktuellen Volatilität der letzten 10 Tageskerzen, das sind genau zwei Handelswochen. Der dazu passende Indikator wird fast überall als „Average True Range“ bezeichnet und sollte in allen Plattformen verfügbar sein (manchmal auch als Volatility geführt). Die ATR oder Volatilität ist kein Indikator, sondern eine rein markttechnische Messung. Diese besagt in unserem Beispiel einfach wie schwankungsfreudig eine Aktie in den letzten 10 Handelstagen war – wie hoch bzw. „unruhig“ also die Ausschläge waren. Ist Volatilität und somit der ATR hoch gewesen, sind Stopp und Kursziel automatisch etwas weiter weg zusetzen als bei einer Aktie, der die Füße eingeschlafen sind. So gibt man dem volatilen Wert mehr Spielraum, wenig volatile Aktien bekommen engere Stopps. Die Volatiltät oder den ATR sollten Sie in jeder kostenlosen Chartsoftware finden. Wir brauchen dazu keine besonderen Voraussetzungen. Das Swingtrading für Berufstätige bleibt also weiterhin sehr simpel und wenig kostenintensiv umzusetzen.

ATR-Wert: Aktuell verwende ich im Übrigen die 0,6-fache Vola (ATR) als Anfangsstopp. Interessant ist, dass selbst eine Verdopplung des Stoppabstandes kaum bessere Trefferquoten bringt. Diese ca. 5% zusätzliche Trefferquote werden mehr als egalisiert von den dadurch viel schlechteren Chance-Risiko-Verhältnissen.

Kursziel – fixiert, aber auch mit Zeitstopps: Im Idealfall finden die Trades am Kursziel ihr Ende, aber nur wenn nicht vorher ein Zeitstopp in Aktion treten muss. Konkret verwende ich ein Kursziel basierend auf der 1,8-fachen Volatilität bzw. ATR. Und nach vier Tagen ist meine Geduld zu Ende, hier greift dann der Zeitstopp, ganz egal wo der Kurs bzw. der Trade gerade steht. Der wird entweder in den letzten Handelsminuten des Tages umgesetzt. Oder man zieht einfach den Stopp eng unter den Schlusskurs nach. D.h. wird ein Signal am Montag eingestoppt, dann wird Donnerstag kurz vor 17:30 der Zeitstopp dem Trade auf jeden Fall ein Ende bereiten.

Diese sogenannte Fire & Forget-Methodik ohne nachgezogene Stopps und mit zeitlich beschränkten Stopps trägt wieder sehr zum Komfort der Strategie bei. Wir erinnern uns: Die Strategie soll explizit für Berufstätige oder anderweitig Vielbeschäftigte ausgelegt sein, durchaus bewusst mit dem einen oder anderen Abstrich in puncto Performance. Aber eben zu Gunsten minimalen Zeitaufwands und hohem Konfort. Denn alles was man tun muss, ist sich seine heutigen Kandidaten zu suchen, und dann mittels If-Done Orders die Aufträge abzuschicken. Jeden Abend kontrolliert man dann kurz das Geschehen und sieht nach, ob eine Aktie schon fällig wird für den Zeitstopp.

Nun haben wir den Ausstieg aus dem Trade sehr genau besprochen. Wie sieht es mit dem Einstieg aus?
 

Der Einstieg – Strategie „frei Schnauze“

Meinen Handelsstil bezeichne ich schlicht und einfach als „Frei Schnauze“. Das ist aber keinesfalls allzu wörtlich zu nehmen, denn das Trademanagement ist in absolut feste Regeln gegossen. Nur beim Einstieg sind Fingerspitzengefühl, Instinkt und Routine gefragt. Die Trendeinschätzung erfolgt rein visuell, ebenso die Auswahl des attraktivsten Kandidaten. Aber keinen unnötigen hohen Respekt vor dieser instinktiven Methodik – sie funktioniert gut und zuverlässig. Und glücklicherweise können wir uns auf unser Ausstiegs-Regelwerk jederzeit verlassen.

Lange Zeit war die Trendeinschätzung unter Zuhilfenahme der Fibonacci Retracements ein in Beton gegossenes Regelwerk. Das ist natürlich für Einsteiger sehr hilfreich, mir persönlich aber zu langweilig, und es müssen zu viele brauchbare Signale ignoriert werden. Natürlich haben wir bei der Methode „Frei Schnauze“ mit dem Problem zu kämpfen, dass nie einhundertprozentig konsistent die gleichen Signale identifiziert werden. Aber in diversen Communities, wo zahlreiche Leute dieser Strategie folgen, identifizieren doch durchaus 90% der Teilnehmer dieselben Tradesignalen. Im Prinzip ist es die reinste Form des Trading, nur der Chart und wir. Für Einsteiger mag das auf den ersten Blick sehr komplex und schwierig zu erlernen klingen, im Grunde läuft aber alles auf unser Mantra hinaus. Wir rekapitulieren aus einem der letzten Artikel:

  • Ist ein neuer Swing wahrscheinlich?
  • Komme ich in diesen günstig rein?

Dazu sehen wir uns als Beispiel folgenden Tageschart an. Ich habe im Chart die letzten Swings farblich mit Pfeilen markiert. So ist schön zu erkennen, dass ein neuer Swing nach unten wahrscheinlicher geworden ist. Und ein günstiger Einstiegskurs ergibt sich durch die schöne Korrektur seit dem letzten Tief, sowie der kleinen bearischen Tageskerze von Freitag. Die uns mit einer schönen Stop-Sell Order am Tagestief versorgt.

STMicroelectronics Trading Beispiel


 
 

Überhaupt verkaufen wir nur bearische Tageskerzen, und kaufen nur bullische. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ein neuer Upswing in der Regel auch mit einer bullischen Kerze startet! Das sehen wir ganz pragmatisch – und es funktioniert erstaunlich gut. Indem wir uns auf diese logischen Setups konzentrieren, schränken wir die tägliche Auswahl weiter stark ein, Vereinfachen den Rechercheprozess und können uns auf das Wesentliche konzentrieren: das Trademanagement, auf das wir oben im Kapitel „Der Ausstieg: Stoppsetzung und Risikomanagement“ bereits eingegangen sind.

Zurück zur Abbildung: Für Manche mag diese Aktie zu träge in einer ausgedehnten Seitwärtsphase festhängen. Das war in der Tat bis Anfang Juni der Fall. Aber wie die drei eingezeichneten Swings zeigen sollen, ist die nötige Volatilität zurückgekehrt, und hat der Aktie schon tiefere Tiefs und Hochs beschert. Ich würde auch verkaufen wenn sich zumindest ein Doppeltopp abzeichnet. Oder sogar in einer breiten Seitwärtsphase an der oberen Begrenzung, wenn bis zur anderen Seite das Kursziel locker Platz hat.

Bevorzugt werden jedoch klar Trendfortsetzungen. Dann erst folgen aggressive Trades bei Doppeltopps/Doppelböden, und nur wenn sich in diesen Kategorien immer noch kein Signal für den nächsten Tag finden lässt, kommen Rangetrades in Frage. Jetzt wollen wir aber noch mehr ins Detail gehen.
 

Tradingplan und Beispiel

  • Trendeinschätzung: wir agieren nie gegen einen klaren Trend – statistisch gesehen ist dies selten eine gute Idee. Es muss also zumindest ein Doppelboden für Longsignale bzw. ein Doppeltopp für Shortsignale zu erkennen sein. Am einfachsten sind natürlich klassische Fortsetzungssignale, aber die sind nicht so häufig zu finden wie man das gerne möchte.
     
  • Wir laufen keinen Trends hinterher. Sprich, wir lauern auf Korrekturen, und versuchen dort den Start des nächsten Swingpunktes zu erwischen.
     
  • Dafür suchen wir uns kleine bullische Tageskerzen für Longeinstiege, und kleine bearische Tageskerzen für Shorteinstiege. Diese markieren einfach überdurchschnittlich oft den Start eines neuen Swings. Perfekt für unsere Strategie.
     
  • Wir wollen möglichst günstig einsteigen, deshalb müssen es kleine Kerzen in der Nähe der Extrempunkte sein. Und deshalb laufen wir auch keinen neuen Tageshochs bei geplanten Longeinstiegen hinterher (d.h. das Tageshoch bei einem potentiellen Longsignal muss  
  • Haben wir unseren Kandidaten gefunden, platzieren wir die Stop-Entry-Order minimal über dem Tageshoch für Longorders bzw. unter dem Tagestief bei Shortorders. Ich wähle in der Regel 1-2 cent, bei teureren Aktien über 50€ auch schon mal 5 cent, das ist nicht so genau. Es kommt nur darauf an, nie exakt die Extrempunkte des Tages zu wählen, da hier Intraday oft Stopps abgefischt werden.
     
  • Als nächstes legen wir den Stop-Loss die 0,6-fache Volatilität (Average True Range oder ATR) der letzten 10 Tage entfernt an.
     
  • Bei einem Kursziel der 1,8-fachen ATR.
     
  • Und als zusätzliche Schutzmaßnahme greift am 4. Tag des Trades kurz vor Handelsschluss ein Zeitstopp. Sollten bis dahin weder Stopp noch Target ausgelöst worden sein.
     
  • Und wir riskieren bei jedem Trade 1% unseres Kapitals
     

Und das wäre auch schon der Tradingplan für eine einfache diskretionäre Strategie für berufstätige Swingtrader. Zugegebenermaßen war die Erläuterung sehr ausführlich, aber manchmal muss man weit ausholen, um schlussendlich einfache Dinge zu erklären.

Damit man diese Strategie einmal in der Praxis kennenlernen kann, findet ihr hier diese Webinaraufzeichnung. Diese ist zwar nicht mehr aktuell und bereits mehrere Monate alt, dennoch eignet sich das Video sehr gut, um die Thematik der Strategie nochmal besser zu verstehen.


 

Fazit

Trading für Berufstätige – das war das Mantra und Versprechen dieser Strategie. Wir haben weit ausgeholt und sind genau auf die Bedürfnisse von Berufstätigentrading eingegangen, damit wir überhaupt eine Strategie mit diesen speziellen Anforderungen ableiten können. Wir haben erkannt, dass das nebenberufliche Trading Vor- und Nachteile hat. Wir haben aber auch erkannt, dass wir durch ein paar spezielle Regeln die Nachteile minimieren können. Im heutigen letzten Artikel dieser Serie wurde die Tradingstrategie sehr detailliert erklärt. Es hat sich gezeigt, dass die Strategie sehr pragmatisch ist und mit wenig zeitlichem Aufwand zu stämmen ist.

Ich kann nur jedem Tradinginteressenten empfehlen, diese Strategie zu testen. Sei es auf einem Demokonto oder auf einem Livekonto. Es könnte der ideale Weg sein, die Welt des Trading durch Praxis besser kennenzulernen. Und vielleicht ist es der Einstieg in viele weitere spannende Strategien. Viel Erfolg und gute Trades!

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner

PS: Was sagst du zur Strategie? Hast du sie bereits getestet? Hast du spezielle Fragen zur Strategie oder zu einzelnen Punkten? Nutze die Kommentarfunktion unter diesem Artikel und geb einfach Bescheid!
 

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse nicht investiert.


 

Was das interessant? Weitersagen!

Recent Posts


 

     

    Hinterlasse deinen Kommentar!

    Submit Comment
    © 2016 Youngbrokers.net.
    Alle Rechte Vorbehalten. Angaben ohne Gewähr. Beachten Sie den Disclaimer · Impressum.