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Franken-Shock: Auslöser, Ursachen und Konsequenzen der Euro-Entkopplung

CHF der Schweiz

Ein Bündel schweizer Franken
Bildquelle: fotolia.de
 

Es ist nunmehr knapp drei Wochen her, doch erinnern werden sich Forextrader und Broker wohl noch einige Zeit länger an den dritten Donnerstag des Jahres 2015.

Die explosionsartige Aufwertung des Schweizer Franken am 15. Januar, ausgelöst durch die unerwartete Aufhebung der Kopplung des Franken an die 1,20 Euro-Marke, hat bei vielen Marktteilnehmern tiefe Löcher in die Bilanzen gerissen.

In wenigen Minuten wurden insbesondere bei Brokerhäusern und Banken dreistellige Millionenverluste generiert – die weiteren Konsequenzen werden zum Teil erst in den nächsten Monaten ans Licht kommen.

In diesem Artikel möchten wir die Ereignisse nochmal aufrollen, die Situation und ihre Hintergründe erläutern sowie auf wichtige Fragen eingehen: Was genau ist eigentlich auf dem Markt vor sich gegangen? Warum wirkte sich der Kurssprung des Schweizer Franken so folgenschwer auf zahlreiche Broker aus? Welche Konsequenzen gibt es für Kunden – und wen trifft eigentlich die Schuld?
 

Auslöser

Bevor ich zu den Ursachen komme, zunächst kurz folgender netter, kleiner aber beeindruckender Chart des Währungspaares EUR/CHF (Euro gegenüber dem Schweizer Franken) vom 15. Januar 2015. Zu sehen ist der Crash des Währungspaares (somit Aufwertung des Franken und Abwertung des Euro) durch eine große, schwarze Kerze. Am Tagestief stand das Währungspaar somit rund 29% tiefer.

Schweizer Franken Crash

Kurssprung des Schweizer-Franken am 15.01.2015
am Beispiel des Währungspaares EUR/CHF
 

Ausgelöst wurde dieser Impuls wie bereits erwähnt durch die plötzliche Aufhebung der Euro-Kopplung durch die Schweizerische Notenbank (SNB). Auf dem folgenden Chart ist das Währungspaar mit einer längeren Historie zu sehen. Auch erkennbar ist, wie die Notenbank im Bereich von 1,20 Euro immer wieder intervenierte und den Franken gegen Euro tauschte, um den Franken künstlich abzuwerten.

Schweizer-Franken-Koppelung  

Vergangene Schweizer-Franken-Kopplung bei 1,20 Euro
 

Die dafür notwendigen finanziellen Mittel flossen übrigens zu einem deutlichen Teil in deutsche Staatsanleihen, wie bereits September 2012 klar wurde. In einem Artikel von Spiegel.de hieß es damals:

Dass die Schweizer Notenbank so viele Anleihen kauft, hängt mit dem vor einem Jahr eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken zusammen. […] Dazu muss sie allerdings die in die Schweiz fließenden Euro am Devisenmarkt selbst aufkaufen. Die Interventionen der SNB ließen die Devisenreserven der Schweiz auf 418 Milliarden Franken anschwellen, die die Notenbank möglichst sicher und gewinnbringend anlegen muss. Also kauft sie davon Anleihen der Euro-Kernstaaten.

Letztlich wurde der Crash vom 15. Januar 2015 also durch die Aufhebung der Kopplung und Rückkehr zu einer floatenden Währung ausgelöst. Die SNB selbst verkündete in einer Mitteilung im Übrigen, dass sie keine andere Alternative gehabt hätte. Um nun die Ursachen für die verheerenden Folgen für viele Marktteilnehmer zu verstehen, kommen wir zum nächsten Punkt.
 

Ursachen der Verwerfungen

Wie so oft spielen bei solchen Verwerfungen mehrere ungünstige Faktoren eine Rolle, die sich gegenseitig verstärken. Im Währungshandel bzw. Forex ist hier als Brandbeschleuniger sicherlich der Hebel zu nennen.

1. Hebel

Der Hebel (engl. Leverage) ist nichts anderes als der Kehrwert der Margin, also der zu hinterlegenden Sicherheitsleistung auf den Kredit des Brokers. Ein Hebel von 1:20 impliziert beispielsweise, dass ich für meine Position 5% Margin hinterlegen muss. Im Währungsbereich sind die Hebel oft deutlich höher, da die übliche Volatilität von Währungen dies zulässt. Im Rahmen von CHF-Währungspaaren wurden hier in der Regel nur 2% Margin verlangt, was zu einem Hebel von 1:50 führt. Broker wie etwa Alpari, die mit einem Hebel von 1:500 aktiv geworben haben, kamen heftig unter die Räder und mussten sofort Insolvenz anmelden.

Natürlich konnten auch klein Positionsgrößen Verlusten ausgeliefert sein oder gar ins Minus katapultiert werden. Dermaßen Riskant ist der Hebel jedoch nur dann, wenn man kein sauberes Moneymanagement beherzigt. Wenn also die Positionsgröße nicht sinnvollerweise am Risiko der Position im Verhältnis zum vorhandenen Gesamtkapital ausgerichtet wird, sondern versucht wird, das Gesamtkapital mit der Margin weiter zu hebeln.

2. Verzögerte Nachschussforderungen

Zunächst kann es bei zahlreichen Kundenkonten, die sich durch überhebelte Positionen weit ins Minus befördert haben, zu Zahlungsschwierigkeiten kommen. Die Nachschussforderungen, die manche Brokerhäuser dann einfordern, können so bedeutend sein, dass diese Broker selbst in Zahlungsschwierigkeiten kommen – ein klassischer Liquiditätsengpass, der zu Insolvenz führen kann.

3. Riesige Gewinne auf Konten von Market Makern

Viele der bekannteren Broker sind sogenannte Market Maker. Dieses Geschäftsmodell des Brokerage basiert darauf, die Trades der Kunden nicht an den Markt weiterzuleiten, sondern ins eigene Buch zu nehmen. Sollte sich der Kunde nun bspw. im Währungspaar EUR/CHF short positioniert haben (er hat also auf eine Aufwertung des Schweizer Franken spekuliert), würden seine erheblichen Gewinne erheblichen Verlusten des Brokers gegenüberstehen. Auch das kann wiederum zur Zahlungsunfähigkeit des Brokers führen. In diesem Fall jedoch waren nur die wenigsten Trader in dieser Richtung positioniert, da keiner gegen die Kopplung der SNB gewettet hat (da fällt mir ein – wo war eigentlich Georg Soros am 15. Januar?).

4. Der unregulierte Devisenmarkt

Warum wurde der Handel eigentlich nicht einfach komplett eingestellt, wie es bei Aktien im Rahmen von sehr außerordentlichen Nachrichten manchmal der Fall ist? Weil der Devisenhandel eben kein regulierter Markt ist, sondern bildlich gesprochen unter der Hand stattfindet. Es gibt statt einer Forex-Börse nur die Banken, die jeweils eigene Kurse stellen sowie einige Aggregatoren, die die Kurse verschiedener Banken zusammenführen. Es gibt aber keine zentrale Anlaufstelle. Diese Intransparenz öffnete übrigens in den letzten Jahren auch an anderer Stelle immer wieder Türen für umstrittene Interaktionen und Manipulationen durch zahlreiche Großbanken.

5. Keine bzw. lückenhafte Kursstellung

Die Liquiditätsprovider der Broker, in Summe auch genannt der Interbankenmarkt, stellen ständig An- und Verkaufskurse zur Verfügung. STP-Broker (STP steht für „Straight Through Processing“) leiten Kundenorders einfach an diese Liquiditätsprovider durch und verdienen daran eine Gebühr. Market Maker nehmen diese Preise als Referenz und weiten den Spread etwas aus. Viele Anbieter streiten sich um einen Teil des riesigen Kuchens, und in der Regel funktioniert alles reibungslos.

Nicht so am 15. Januar 2015. Die meisten Banken haben ährend des Kursrutsches einfach aufgehört, einen Kurs für den Franken zu stellen. Ebenfalls beobachtbar war aufgrund enorm ausgeweiteter Spreads die für Kunden sehr unvorteilhafte Ausführung der Orders. Brancheninsider erzählen, dass speziell die Schweizer Großbanken den Handel komplett einstellten, während etwa die Bank of America durchgehend noch sehr aktiv war. Wer auf diesen Liquiditätsprovider Zugriff hatte, war also besser dran.

Entweder war der Handel also gar nicht möglich, oder die Systeme der Broker haben Orders automatisiert zu Preisen ausgeführt, die die Broker selbst zu weitaus schlechteren Kursen von ihren Partnern bekamen. Diese haben nun die Wahl, in den sauren Apfel zu beißen und diese Differenz aus der eigenen Tasche zu berappen, oder die Ausführungskurse im Nachhinein zähneknirschend zu Ungunsten der Kunden zu korrigieren. Was die Vertrauenswürdigkeit des Brokers nachhaltig erschüttern kann.

Ein Beispiel dieser verzwickten Situation: ein Anbieter der namentlich noch nicht genannt werden möchte wurde zu einem EUR/CHF-Kurs von 0,16(!) ausgeführt. Die Kunden des Brokers selbst aber in der Regel zu den offiziellen Kursen um 0,90 bis 1,04 herum. Was für die Kunden also Verluste auf das bewegte Kapital von 20-30% darstellte, waren für diesen Broker satte -85%. Die Broker verhandeln nun intensiv mit deren Liquiditätsprovidern über diese schlechten Kursstellungen. Man wird versuchen, sich auf Vergleiche zu einigen. Auch eine Klage kann letzten Endes daraus erwachsen. Eine wichtige Fragen ist außerdem, ob nicht teilweise zu willkürlichen Kursen abgerechnet wurde und die hektische Situation ausgenutzt wurde. Die Behörden nehmen jene Ausführungskurse bereits unter die Lupe.

Dieser Screenshot von KCG HotSpot schließlich verdeutlicht optisch, wie unverhältnismäßig sich Angebot und Nachfrage ab 10:30 Uhr GMT gegenüber gestanden sind und welche Spreads im Interbankenmarkt zu verkraften waren. Die Ausreißer bis in Richtung der Nullerlinie sind jedenfalls – ordentlich.

Test  

Verhältnis von Angebot und Nachfrage
Screenshot von KCG HotSpot
 

 

Als Zwischenfazit können wir zusammenfassen, dass letztlich eine Reihe spezieller Zustände zu diesen wirtschaftlichen Auswirkungen geführt hat. In wie weit trifft die Trader, die unter Umständen erhebliche Summen verloren haben, allerdings selbst die Schuld?
 

Verantwortung der Trader

In einigen Artikeln einschlägiger Medien wurden Berichte veröffentlicht, die eine wichtige Tatsache über sogenannte Stop-Loss-Orders verharmlosen. Eine Stop-Loss-Order ist eine automatische, zum Marketkurs ausgeführte Order, die der eigentlichen Spekulationsrichtung (long oder short) entgegen gerichtet ist. Dies dient letztlich einer sinnvollen Verlustbegrenzung.

Etwa könnte ein Trader auf einen Anstieg des Währungspaares EUR/CHF spekulieren und diese automatische Stop-Loss-Order unter den Bereich von 1,20 legen, da hier ja die Notenbank in der Vergangenheit gerne interveniert hatte. So auch in der Realität sehr, sehr häufig geschehen.

Was jedoch jedem Trader ebenso klar sein sollte: Stoppkurse sind aus oben ausgeführten Gründen nie garantiert, sondern werden stets zum nächsten verfügbaren Kurs ausgeführt. Das ist in allen AGBs zu lesen, widerfährt einem Trader in der Praxis auch täglich durch minimal schlechter oder eben besser ausgeführte Stoppkurse, und gehört ganz einfach zum ABC des Trading-Handwerks.

Beim Crash, der auf dem ersten Chart dieses Artikels deutlich zu sehen war, entstand eine der seltenen, aber folgenreichen und explosiven Kursentwicklungen. Zu diesen Kursen hat keiner der angeschlossenen Liquiditätsprovider mehr die vorgesehenen Stop-Loss-Orders ausführen können. Es folgte eine enorme Slippage oder gar die Nichterreichbarkeit. Und somit wurden zahlreiche Trades, wie eigentlich vom Stop-Loss ja auch vorgesehen, geschlossen – aber eben zu einem weit abgeschlagenen Kurs.
 

Fazit – Was man daraus lernen kann

Die Spekulation auf die Preisuntergrenze von 1,20 ist lange gut gegangen. Wer privat mit dem Franken spekuliert hat, tat dies weder aus fundamentalen noch aus charttechnischen Gründen, sondern entweder aus purer Unwissenheit oder zu dem Zweck, viele kleine Gewinne im „Windschatten“ der Schweizerischen Nationalbank mitzunehmen. Zwei Broker haben bereits bestätigt, dass betroffene Kunden dies teilweise intensiv und sehr gewinnträchtig betrieben haben, was letztendlich in manchen Fällen zu immer größeren und riskanteren Positionen geführt hat. Der Großteil der Verluste sollte im Sinne der Eigenverantwortung im Rahmen des „Geschäftsrisikos“ also hingenommen werden.

Spekulationen in Währungen, in denen Zentralbanken in erheblichem Maße intervenieren, können für den Anleger mittelfristig unbequem werden.

Was jedoch zu Recht gefordert wird, ist eine transparente Aufklärung, wie es zu den finalen Ausführungskursen in den hektischen Minuten und Stunden gekommen ist. Und ob die nachträglichen Kursänderungen, die manche Broker vorgenommen haben, legitim sind.

Dieser Schweizer-Franken-Schock wird jedenfalls in der Brokerlandschaft die Spreu vom Weizen trennen. Bei einigen Forexbrokern kann attestiert werden, dass diese das Beste für ihre Kunden herausgeholt haben. Andere Broker und Vorgehensweisen werden hingegen noch heiß diskutiert. Eine Überblick zu den einzelnen Anbietern sowie deren Presseverhalten und Reaktionen auf den Crash finden Sie auf Brokerdeal.de ab der zweiten Hälfte des Artikels.
 


 

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